Neulich in Hamburg

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Neulich in Hamburg, kurz nach 18 Uhr. Zwei Zivilbeamte führen einen Schwarzen an den Ellenbogen den öden Park hinaus auf die belebte Straße vor der U-Bahnstation. Beide, ein Mann und eine Frau, athletische Figur, tragen weiße Kopfhörer im linken Ohr. „Ruhig, ruhig“, sagt der Beamte routiniert und fast gelangweilt zu dem Afrikaner. Dieser versucht mehrfach vergeblich, sich die lange Trainingshose herunterzuziehen.

Im Sternschanzenpark befinden sich zu diesem Zeitpunkt nicht viele Besucher. Ein paar Jugendliche rauchen zwischen den blühenden Sträuchern und prahlen damit, wie viele Zivilbeamte sie entdecken können. Zwei Frauen laufen gemütlich durch das grün-gelbe Gras, eine Mutter schiebt ihren Kinderwagen vor sich her. Die Schaukeln auf dem Spielplatz stehen still. Mitten im Park sitzt eine rund zehnköpfige Gruppe um ein Feuer. An den Wochenenden, so erzählt man mir, werde hier viel gegrillt.

Die Schwarzafrikaner und die zwei Frauen sind an diesem Donnerstag abend aber nicht zum Essen hier. Sie verbrennen eine Palette, einer raucht einen Joint und stochert im Feuer herum. Warum ihr Kollege von der Polizei abgeführt worden ist – egal, sie dösen weiter vor sich hin. Nach rund zwanzig Minuten herrscht erneut Aufregung. Wobei, ich scheine der einzige zu sein, der dem Rettungswagen hinterherschaut, wie er in Richtung Spielplatz kurvt.

„Das ist normal hier“, sagt ein junger Mann. „Meistens passiert hier auch nichts Gröberes.“ Daß (Süd-)Tirol ein Safespace ist (seit 2015 mit sukzessive abnehmender Sicherheit), weiß ich spätestens, seitdem ich nun den größten Teil des Jahres in Berlin verbringe. Eine solche Verwahrlosung der Öffentlichkeit in dieser räumlichen Größenordnung wie hier in Hamburg ist mir in Deutschland aber bislang nicht untergekommen. Park und Straßen sind zugemüllt. Keine Wand ist graffitifrei. Die Afrikaner sitzen auch eine Stunde später noch am selben Ort und machen: nichts.

Einige hundert Meter entfernt befindet sich der deutschlandweit wohl bekannteste linksextreme Szenetreffpunkt, die „Rote Flora“. Der Extremismusforscher Dustin Hoffmann bezeichnet das ehemalige Theater als „Geldautomat der linksextremen Szene“. Von der Politik wird die „Flora“ geduldet (sie gehört einer städtischen Stiftung), obwohl Ermittler davon ausgehen, daß Teile der G20-Ausschreitungen vom vergangenen Jahr hier geplant worden sind.

Gefühlt jeder fünfte Passant auf dem Weg vom Schanzenpark zur „Flora“ ist erkennbar der linken Szene zugehörig. Einer trägt ein schwarzes T-Shirt mit der Aufschrift „FCK NZS“ („Fuck Nazis“), auf dem Hemd eines anderen prangt eine Anti-AfD-Parole. Überall markieren Aufkleber und Plakate das Revier der Linken. Ein Ausflug in die Schanze mit einem blauen AfD-Shirt würde sicher im Krankenhaus enden.

Auf den Treppen des eigentlich ansehnlichen Altbaus sitzen ein paar ältere Punks. Nur so viel: Die etwa zehn Männer in zerfetzten Jeans-Klamotten mit Aufnähern sehen aus, als seien sie in den 80er Jahren hängen geblieben. Die Parolen über ihnen verraten dann doch, daß sie sich mit aktueller Politik beschäftigen.

Aber, werden Sie jetzt sagen, in anderen Ländern gibt es auch Verwahrlosung in den verschiedensten Formen. Das ist natürlich wahr. Ich kenne aber kein anderes mitteleuropäisches Land, in dem der Unterscheidungsgrad zwischen Stadt und Land in den vergangenen Jahren so rasant zugenommen hat wie in Deutschland.

Die steuerzahlenden Bewohner werden sich daran gewöhnen, die anderen tun es schon länger. Vielleicht kehren die Deutschen dann auch endlich von ihrer konsensgeprägten Politikhörigkeit ab oder nehmen wenigstens eine „me ne frego“-Haltung ein wie die Italiener, die in den vergangenen Wochen mal wieder unter einem neuen Schub der Politik-Verwahrlosung leiden mußten.

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Author: Lukas Steinwandter

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